Ich denke, also bin ich - nicht zwangsläufig kritisch intelligent?

Anja Hermes • 25. Juli 2026

Erst durch kritisches Hinterfragen wird aus menschlicher und künstlicher Intelligenz kritische Intelligenz.

Zwischen den philosophischen Betrachtungen Descartes' und der Art, wie wir Informationen verarbeiten und bewerten, zeigen sich für mich durchaus Ähnlichkeiten. Die alten Philosophen und ihre verkopften Ansichten - das mag nun so mancher denken oder gar keinen weiteren Gedanken daran oder an die nachfolgenden Zeilen verschwenden. 


Andere fragen sich vielleicht schmunzelnd oder verständnislos, was mir wohl als nächstes in den Sinn kommen mag. Ein fiktiver Gedankenaustausch mit dem Mann in der Tonne²? Ganz uninteressant finde ich diesen Gedanken nicht. Lebt doch heute so mancher in seiner begrenzten Welt, jeglichen Freigeist vermissend.


Doch für mich waren zunächst die Zitate Descartes' ein Anreiz, den Einfluss alternativer Medien und die Verbreitung vermeintlich faktenbasierter Aussagen einmal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. In der Hoffnung, besser zu verstehen, warum diese von vielen so unkritisch als wahr erachtet werden und warum die öffentlich-rechtlichen Medien so in Misskredit geraten sind. Um mich gleichzeitig zu fragen, ob es überhaupt sinnvoll ist, ein so viel diskutiertes Thema wie Fake News in einem Blog anzusprechen, der wahrscheinlich für die meisten keine wesentlich neuen Fakten liefern wird, sondern nur zum Nachdenken anregen kann.


Ich habe mich genau aus diesem Grund dafür entschieden. Weil ich glaube, dass wir Gewohnheiten durchbrechen können und dafür manchmal nur einen Anreiz brauchen. Weil ich über den Begriff der kritischen Intelligenz gestolpert bin und nicht akzeptieren möchte, dass diese im medialen Informationsüberfluss, oder sollte man besser sagen: in der Beeinflussung durch vermeintlich alternative Medien, verloren gegangen ist. Und weil ich an die Demokratie glaube sowie an eine liberale und objektive Berichterstattung.


Denn es geht hier nicht um Belehrung, sondern um Sensibilisierung für gesellschaftspolitische Prozesse. 

Es geht nicht um Anklage, sondern darum, das Bewusstsein auf die eigene Informationsverarbeitung zu lenken. 

Es geht nicht um Gutgläubigkeit, sondern um Kritikfähigkeit; sich selbst und anderen gegenüber. 

Es geht nicht um Zurechtweisung, sondern um Reflexion.


Und vor allem geht es mir um Erkenntnis: zu erkennen, wie beeinflussbar wir sind und wie bereitwillig wir aktiv nach der Bestätigung unserer Vorurteile und bereits etablierten Meinungen suchen. Zu erkennen, dass bereits das Hinterfragen der eigenen Mediennutzung ein erster Schritt hin zu einer kritischeren Selbst- und Fremdanalyse ist.


Denn obwohl wir dem Thema Fake News in der Öffentlichkeit, der Politik und den sozialen Medien große Aufmerksamkeit widmen und zahlreiche Studien nach Erklärungsansätzen sowie noch viel mehr nach Lösungsstrategien für eine objektivere Berichterstattung suchen, zeigt sich eine Diskrepanz zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wenn es um die Einschätzung des eigenen Informationsverhaltens geht, neigen viele dazu, sich selbst als eher objektiv und andere als beeinflusst wahrzunehmen, während im gleichen Atemzug die öffentlich-rechtlichen Medien als "Lügenpresse" und die eigenen Quellen als ausschließlich faktenbasiert bezeichnet werden.


Das Gefährliche an irreführenden Informationen sind zunächst nicht die falschen Aussagen selbst, sondern dass sie unter dem Deckmantel vermeintlicher Objektivität und inhaltlicher Plausibilität ohne weitere Überprüfung als wahr angenommen werden. Und sich dabei durchaus auch gebildeter Anhänger erfreuen, von denen man ein kritischeres Bewusstsein erwarten würde. Bildung und Intelligenz gehen offenbar nicht zwangsläufig mit gesellschaftskritischem Denken und einer liberalen Haltung einher. Extremistische Einstellungen und antiliberale Tendenzen finden sich in allen gesellschaftlichen Schichten und sind offenbar unabhängig vom Bildungsniveau.


„Ich denke, also zweifle ich" ist offensichtlich keine logische Konklusion mehr; der Ansatz des methodischen Zweifelns scheint in Vergessenheit geraten zu sein. „Nicht den Verstand an sich sollten wir anzweifeln, sondern seinen vernünftigen Einsatz"- frei nach Decartes¹, oft zitiert, aber selten beherzigt.


Ohne die Überprüfung von Fakten und Quellen mag so mancher zwar als informiert, aber nicht unbedingt als kritisch gelten. Der heute nahezu unbeschränkt anmutende Zugang zu Informationen und deren Verarbeitung zu Überzeugungen und Ansichten mögen den Anschein von Bildung und Informiertheit erwecken, zeugen jedoch nicht zwangsläufig von gesellschaftlicher Reife oder kritischer Intelligenz. 

Das Verständnis von kritischer Intelligenz hat James R. Flynn mitgeprägt. Es ist für mich untrennbar verbunden mit unserer Verantwortung, kritisch zu denken und damit auch Ansichten, Aussagen, Medien und Informationsquellen zu hinterfragen anstatt pauschaler Kritik an der Gesellschaft oder den öffentlich-rechtlichen Medien auszuüben.


„Menschen, die von konkreten Situationen abstrahieren und logisch argumentieren können, haben zwar eine Intelligenz, die sie in Tests gut abschneiden lässt. Doch das ist keine kritische Intelligenz. Kritische Intelligenz dagegen ist die Fähigkeit, die Gegebenheiten zu hinterfragen." (James Robert Flynn, Quelle: DIE ZEIT, 2008)


Doch wie erlangt man kritische Intelligenz bzw. wie finden wir sie wieder, wenn wir verlernt haben unseren kritischen Verstand zu gebrauchen?


Allein die Konfrontation mit vielen Informationen, die jede für sich neue Erkenntnisse bringen aber auch neue Fragen aufwerfen sollten, führt offensichtlich nicht zwangsläufig zu einem Prozess der objektiven Bewertung und unvoreingenommenen Meinungsbildung. Vielleicht ebnen erst die Erkenntnis der Grenzen der eigenen Urteilsfähigkeit und das Eingeständnis der Beeinflussbarkeit und Subjektivität den Weg hin zu mehr kritischer Intelligenz. Und fördern so die Bereitschaft, sich nicht nur von Verhaltensgewohnheiten lösen zu wollen, sondern auch von denen, die unser Denken beeinflussen. Denn auch die Art wie wir Informationen verarbeiten und bewerten, kann von erlernten Verhaltensmustern geprägt sein und beeinflusst unsere Erwartungshaltung an unser soziales Umfeld. Wenn schon eine ausgeprägte Meinung zu einem Thema besteht, ist der Wunsch diese zu bestätigen oft größer als die Motivation, sich intensiver mit widersprüchlichen Gedanken auseinander zu setzen. Und wenn unser Umfeld diese Meinungen teilt, ist die Wahrscheinlichkeit noch höher, sich in denselben sozialen Netzwerken zu bewegen und die gleichen Medien zu nutzen.


Fake News leben von solchen Bestätigungen, der gefühlten Verbundenheit in sozialen Netzwerken und dem Vertrauen in alternative Medien. In diesen werden Meinungen und Theorien geteilt, die gerne angenommen werden, insbesondere, wenn sie von Gleichgesinnten befürwortet werden. So verbreiten sich Informationen, die als wahr erachtet werden, weil sie kontinuierlich Bestätigung aus genau diesem Umfeld erhalten und das eigene Weltbild stützen. Sie schüren Vorurteile, die sich durch Zustimmung im engsten sozialen Kreis verfestigen. Die kontinuierliche Wiederholung der als wahr empfundenen Aussagen und die konforme Abwertung der öffentlich-rechtlichen Medien als beeinflusst geben diesen Portalen wachsende Aufmerksamkeit und Zuspruch. Das eigene Entscheidungsverhalten wird nicht mehr kritisch hinterfragt, die selektive Informationsauswahl verfestigt sich in Leseroutinen und der Nutzung gewohnter Quellen.


Ein Ausbrechen aus diesen alltäglichen Abläufen wird nicht als positive Bewusstseinserweiterung wahrgenommen und Veränderung nicht als Chance auf Weiterentwicklung. Wer einige meiner wenigen Artikel gelesen hat, weiß, wie wichtig mir der Umgang mit Veränderungen ist, weil es zeigt, wie viel Entwicklungspotential in unserer Gesellschaft durch Voreingenommenheit verloren geht.


Eine äußerst interessante Studie von Dr. Dirk Stemper verdeutlicht, wie Gewohnheiten unser Verhalten steuern und wie wir darüber eigene Belohnungssysteme aufbauen. Ein durchaus menschliches Verhalten, das jedoch dazu führen kann, dass wir nicht nur von Gewohnheiten gesteuert werden, sondern sogar gezielt nach Faktoren suchen, die diese unterstützen.


„Wussten Sie, dass fast 40 % unserer täglichen Handlungen keine Entscheidungen, sondern Gewohnheiten sind?", fragt Dr. Dirk Stemper und widmet sich in seiner Studie auch Routinen, die den Alltag erleichtern und dem Gehirn so Raum für komplexere Entscheidungsprozesse geben. Er beschreibt Gewohnheiten als neuronale Reiz-Reaktions-Verbindungen, die durch Wiederholungen und Belohnungssysteme verstärkt werden (siehe Die Macht der Gewohnheit: Neurowissenschaft und das Gehirn im Fokus, Dr. Dirk Stemper, 2025).


Ohne tiefer in neurowissenschaftliche Hintergründe einzutauchen, vertraue ich auf die verbleibenden 60%; in der Hoffnung, dass sich in diesen unser kritisches Denken und unsere Fähigkeit, neue Verhaltensweisen zu entwickeln, verstecken. Dies hier wäre dann wohl die Stelle im Artikel, an der ein gedanklich eingefügter Smiley seinen rechtmäßigen Platz findet.


Gewohnheiten und Routinen, die sicherstellen, dass eine Handlung zu dem erwarteten Ergebnis führt, können unser Belohnungssystem aktivieren, aber auch neue Reize können auch als Motivationstreiber fungieren. Denn ist nicht das Ausbrechen aus Gewohnheiten, das Erkunden des Neuen und Ungewohnten sowie das Loslassen eingefahrener Denkweisen erstrebenswerter als das Festhalten an Routinen? Sollten wir nicht unseren Horizont erweitern, indem wir nicht nur auf Gelerntes zurückgreifen, sondern neue Denkansätze und Erklärungen annehmen, verarbeiten und bewerten und uns so bemühen, Neuem und Ungewohntem mit mehr Weltoffenheit und Toleranz zu begegnen?


Denn letztlich ist es doch das, was menschliche Intelligenz besonders auszeichnet: die Fähigkeit, neue Ideen zu entwickeln, Zusammenhänge zu begreifen, freie Assoziationen zuzulassen und als sinnvoll oder unsinnig zu bewerten. Doch auch menschliche Intelligenz allein macht noch keinen kritisch denkenden Menschen aus. Und nicht jede künstliche Intelligenz mag weniger human erscheinen als so mancher Menschlichkeit vermissender Verfechter extremistischer oder populistischer Parolen.


Künstliche Intelligenz kann die Informationsverarbeitung erleichtern, neue Quellen erschließen und uns helfen, unser Wissensspektrum und die dafür genutzten Quellen zu erweitern. Doch wir brauchen kritische Intelligenz, um die Ergebnisse zu bewerten und nicht Gefahr zu laufen, diesen nicht nur blind zu vertrauen, sondern gar immer mehr selbst bestätigende Inhalte zu generieren.


So scheint es fast kein Zufall zu sein, dass die Abkürzung KI beides umfasst. Mit Einsatz menschlicher Intelligenz, kann künstliche Intelligenz zu einer wertvollen Informationsquelle werden. Doch erst durch das Hinterfragen der Fakten und ihrer Herkunft sowie durch das Überdenken der eigenen Meinungen, Gedanken und Schlussfolgerungen wird aus menschlicher und künstlicher Intelligenz kritische Intelligenz.


Was mich nicht zum Schluss meiner Betrachtungen bringt, sondern zurück an ihren Anfang. Wohin führen sie uns? Ich würde mir wünschen: zu mehr Selbstreflexion und kritischeren Umgang mit dem eigenen Medienverhalten.


Hilfreich fand ich dafür die Ratschläge zum Umgang mit Falschinformationen auf den Seiten der Landeszentrale für Politische Bildung³. Sie sind einen Besuch wert.


Meinungsfreiheit ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie. Dieser mit kritischer Intelligenz zu begegnen bedeutet, demokratische Werte nicht nur laut zu proklamieren, sondern selbst zu leben. Und sich so bewusst von der psychologischen und rhetorischen Beeinflussung extremistischer Parteien und ihrer Anhänger abzugrenzen. Offen zu sein für die Meinungen anderer und sich von denen inspirieren zu lassen, die sich für einen realitätsnahen und objektiven Journalismus einsetzen. Das ist meine Vision einer liberalen Gesellschaft.


Für alle, die sich inspiriert fühlen:

³Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, (Internet Redaktion LpB BW, Juni 2024): Fake News erkennen https://www.lpb-bw.de/fake-news


Und für all die verkannten Philosophen:

¹„..so das Vermögen, richtig zu urteilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden, worin eigentlich das besteht, was man gesunden Verstand nennt, von Natur bei allen Menschen gleich ist, und dass mithin die Verschiedenheit der Meinungen nicht davon kommt, dass der Eine mehr Verstand als der Andere hat, sondern dass wir mit unseren Gedanken verschiedene Wege verfolgen und nicht dieselben Dinge betrachten. Denn es kommt nicht bloß auf den gesunden Verstand, sondern wesentlich auch auf dessen gute Anwendung an." (R. Descartes, Abhandlung über die Methode des richtigen Gebrauchs der Vernunft, 1637 )

²Diogenes von Sinope, vermutlich 413 v.Chr. Laut Überlieferung lebte er ohne irdische Besitztümer in einer großen Amphore. Er stellte etablierte Werte in Frage und vertrat den Gedankens, dass nur die Befreiung von äußeren Zwängen und überflüssigen Bedürfnissen und Gewohnheiten zu Stärke und Widerstand führen könne (vergleiche auch Philosophie Magazin, die Philosophen, philomag.de).

Toans Echo: Blog

von Anja Hermes • 29. September 2026
Entgegen der durchaus verbreiteten Meinung lebte Diogenes nicht in einem Fass oder einer Tonne, sondern der Überlieferung nach in einer großen Amphore. Und wohl zeugte das selbstgewählte Exil nicht von einem engstirnigen, sich abschottenden Denken, sondern Diogenes wird eher als Freigeist beschrieben, der mit einer radikalen Ehrlichkeit und Abkehr von allen sozialen Normen seine Mitmenschen oft vor den Kopf stieß. Das sprichwörtliche "in einer Tonne leben", isoliert und neue soziale Impulse und Entwicklungen ablehnend, wird ihm also durchaus etwas zu Unrecht zugeschrieben. Es sei hier auch nicht zu verwechseln mit der krankhaft auffälligen Selbstisolation. Mir geht es in diesem Artikel viel mehr um soziale Ignoranz und die Ablehnung multikultureller Einflüsse bei gleichzeitiger Abschottung gegenüber Veränderungen und dem Beharren auf dem Gewohnten. Im Verhalten, aber auch im Denken. Und deshalb frage ich euch: Lebt auch ihr sinnbildlich in einer Tonne und fühlt euch am wohlsten unter anderen Fassbewohnern, gesellschaftliche Veränderungen ablehnend und neuen kulturellen Einflüssen mit Angst begegnend? Viele werden diese Frage verneinen. Doch wir neigen dazu, uns selbst als weltoffener und liberaler zu empfinden, als wir vielleicht tatsächlich sind. Und auch die Vorstellung davon, was wir als demokratisch erachten, scheint von der individuellen Wahrnehmung abhängig zu sein und folgt nicht immer objektiven Kriterien. Denn obwohl Deutschland dem Grundgesetz nach ein demokratischer und sozialer Staat ist, bezeichnet laut der Sinus-Analyse 1 nur ein Drittel der Befragten Deutschland als demokratisch regiert, während demokratische Werte als durchaus wichtig erachtet werden. Im Demokratiebarometer 2026 befürworten 82 % der Befragten demokratische Werte an sich, und mehr als 77 % stimmen den Werten demokratischer Parteien zu 2 . Ein für mich durchaus verwunderliches und irritierendes Ergebnis in Anbetracht der kürzlichen Wahlergebnisse. Ohne weitere Details und vergleichende Untersuchungen sollte man vorsichtig mit unbedacht geäußerten Korrelationen sein. Und trotzdem drängt sich mir die Frage auf: Muss man davon ausgehen, dass Wähler von als extremistisch und durchaus verfassungswidrig einzustufenden Parteien sich selbst trotzdem als demokratisch bezeichnen würden? Liegt in diesem Widerspruch und der Erkenntnis dessen die Chance auf ein Umdenken, und können wir dieses aktiv anstoßen? Vielleicht kommen wir hier gemeinsam zu der Erkenntnis, dass wir alle durchaus dazu neigen, uns unsere eigene Welt aus Anschauungen und Einstellungen zu schaffen, dass wir nach Bestätigung dieser in unserem Umfeld suchen und wir uns aber willentlich und aktiv aus diesen Gedankenblasen befreien können. Und dass alleine die Beschäftigung und bewusste Auseinandersetzung mit polarisierenden Aussagen und extremen Positionen dazu führen kann, eigene Verhaltens- und Denkweisen zu überdenken und wir uns damit ganz bewusst gegen rhetorische Beeinflussung wehren können. Um so hoffentlich zu einem Vorbild zu werden. Denn irgendwo müssen wir doch anfangen, wenn wir unsere Zukunft nicht in die Hände rechtspopulistischer Politiker legen wollen. "Widersprüchliche Gedanken führen zu moderaten Einstellungen – extremen Meinungen kann etwas entgegengesetzt werden", so eine Studie des Leibniz-Instituts für Psychologie 3 . Die Ergebnisse zeigen, dass allein das Auslösen von widersprüchlichen Gedanken und das Aufzeigen sich widersprechender Fakten bei Personen mit politisch rechtsextremen Einstellungen eine moderatere Position fördern kann. Besonders interessant ist, dass sich die Wirkung auch zeigte, wenn die ausgelösten Gedanken gar nichts mit der politischen Meinung an sich zu tun hatten. Allein die Beschäftigung mit konträren Aussagen scheint schon eine liberalere, offenere Denkweise zu fördern. Doch wie löst man solche gedanklichen Widersprüche aus? Laut den Forschern dieser Studie können rhetorische Fragen, die kognitive Konflikte auslösen oder sich widersprechende persönliche Ziele aufzeigen, dabei helfen. Ironischer Konformismus durch absurd übersteigerte Fragen, Aussagen oder Extrem-Beispiele, die vermeintlich zustimmend formuliert sind, kann Diskrepanzen aufzeigen und zum Nachdenken anregen. Denn oft genug ist die Antwort „so habe man das ja nicht gemeint“ der Türöffner für Gespräche und Diskussionen. Ich finde, das macht Hoffnung und zeigt, dass wir sehr wohl Änderungen bewirken können. Schaut man sich die Ergebnisse aus dem Vielfaltsbarometer 2025 an, müssen wir alles tun, um den Abwärtstrend aufzuhalten und uns für eine liberale Gesellschaft einzusetzen. Denn 2025 gaben 45 % der Befragten an, gesellschaftliche Vielfalt als Bereicherung zu empfinden. Nun mag mancher denken, so wenige sind das doch gar nicht, immerhin fast die Hälfte. Bedenklich stimmt mich jedoch der Rückgang um 19 % im Vergleich zu 2019, in dem die davorliegende Studie durchgeführt wurde. Die Umfrage misst die Akzeptanz von Merkmalen, die im Gleichberechtigungsgesetz AGG definiert sind. Geht man in die Details, finde ich es noch besorgniserregender, dass der stärkste Rückgang in der Beurteilung ethnischer Herkunft (die Zustimmung sank von 73 % auf 56 %) und Religionsvielfalt lag. Nur 34 % der Befragten sahen Religionsvielfalt als Bereicherung an, 2019 waren es noch 44 %. Wer mehr wissen möchte, kann sich die Studiendetails 4 anschauen. Aufschlussreich sind auch die Interpretationen der Autoren. Diese sehen die Ursachen in gesellschaftlichen Veränderungen und globalen Krisen. Je höher die Sorge um den eigenen Wohlstand, desto niedriger der Toleranzwert und desto höher die Abwehr. Auch wird interessanterweise die tatsächliche Zuwanderungsquote im Umfeld als weniger entscheidend für die Akzeptanz von Vielfalt betrachtet. Wichtiger sind persönliche Berührungspunkte und Begegnungen. Fehlen positive Kontakte zu heterogenen Gruppen, wächst die Skepsis. Ausgeprägte Empathie und positiv wahrgenommene Kontakte seien hingegen Akzeptanz fördernd. Lasst uns versuchen, Widersprüche in Argumentationsketten auszulösen und aufzudecken, unangenehme kognitive Dissonanzen zu erzeugen und Kontaktmöglichkeiten zu interkulturellen Gruppen im direkten sozialen Umfeld zu schaffen. 1 Sinus Institut 2025 2 Bertelsmann Stiftung, Die Zeit, Mai 2026 3 ZPID, 2024, Prof. Dr. K. Sassenberg, Dr. K. Winter 4 Vielfaltsbarometer der Robert Bosch Stiftung 2019 und 2025 Der Überlieferung nach lebte Diogenes von Sinope gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Es gibt keine gesicherten Quellen.
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