von Anja Hermes
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29. September 2026
Entgegen der durchaus verbreiteten Meinung lebte Diogenes nicht in einem Fass oder einer Tonne, sondern der Überlieferung nach in einer großen Amphore. Und wohl zeugte das selbstgewählte Exil nicht von einem engstirnigen, sich abschottenden Denken, sondern Diogenes wird eher als Freigeist beschrieben, der mit einer radikalen Ehrlichkeit und Abkehr von allen sozialen Normen seine Mitmenschen oft vor den Kopf stieß. Das sprichwörtliche "in einer Tonne leben", isoliert und neue soziale Impulse und Entwicklungen ablehnend, wird ihm also durchaus etwas zu Unrecht zugeschrieben. Es sei hier auch nicht zu verwechseln mit der krankhaft auffälligen Selbstisolation. Mir geht es in diesem Artikel viel mehr um soziale Ignoranz und die Ablehnung multikultureller Einflüsse bei gleichzeitiger Abschottung gegenüber Veränderungen und dem Beharren auf dem Gewohnten. Im Verhalten, aber auch im Denken. Und deshalb frage ich euch: Lebt auch ihr sinnbildlich in einer Tonne und fühlt euch am wohlsten unter anderen Fassbewohnern, gesellschaftliche Veränderungen ablehnend und neuen kulturellen Einflüssen mit Angst begegnend? Viele werden diese Frage verneinen. Doch wir neigen dazu, uns selbst als weltoffener und liberaler zu empfinden, als wir vielleicht tatsächlich sind. Und auch die Vorstellung davon, was wir als demokratisch erachten, scheint von der individuellen Wahrnehmung abhängig zu sein und folgt nicht immer objektiven Kriterien. Denn obwohl Deutschland dem Grundgesetz nach ein demokratischer und sozialer Staat ist, bezeichnet laut der Sinus-Analyse 1 nur ein Drittel der Befragten Deutschland als demokratisch regiert, während demokratische Werte als durchaus wichtig erachtet werden. Im Demokratiebarometer 2026 befürworten 82 % der Befragten demokratische Werte an sich, und mehr als 77 % stimmen den Werten demokratischer Parteien zu 2 . Ein für mich durchaus verwunderliches und irritierendes Ergebnis in Anbetracht der kürzlichen Wahlergebnisse. Ohne weitere Details und vergleichende Untersuchungen sollte man vorsichtig mit unbedacht geäußerten Korrelationen sein. Und trotzdem drängt sich mir die Frage auf: Muss man davon ausgehen, dass Wähler von als extremistisch und durchaus verfassungswidrig einzustufenden Parteien sich selbst trotzdem als demokratisch bezeichnen würden? Liegt in diesem Widerspruch und der Erkenntnis dessen die Chance auf ein Umdenken, und können wir dieses aktiv anstoßen? Vielleicht kommen wir hier gemeinsam zu der Erkenntnis, dass wir alle durchaus dazu neigen, uns unsere eigene Welt aus Anschauungen und Einstellungen zu schaffen, dass wir nach Bestätigung dieser in unserem Umfeld suchen und wir uns aber willentlich und aktiv aus diesen Gedankenblasen befreien können. Und dass alleine die Beschäftigung und bewusste Auseinandersetzung mit polarisierenden Aussagen und extremen Positionen dazu führen kann, eigene Verhaltens- und Denkweisen zu überdenken und wir uns damit ganz bewusst gegen rhetorische Beeinflussung wehren können. Um so hoffentlich zu einem Vorbild zu werden. Denn irgendwo müssen wir doch anfangen, wenn wir unsere Zukunft nicht in die Hände rechtspopulistischer Politiker legen wollen. "Widersprüchliche Gedanken führen zu moderaten Einstellungen – extremen Meinungen kann etwas entgegengesetzt werden", so eine Studie des Leibniz-Instituts für Psychologie 3 . Die Ergebnisse zeigen, dass allein das Auslösen von widersprüchlichen Gedanken und das Aufzeigen sich widersprechender Fakten bei Personen mit politisch rechtsextremen Einstellungen eine moderatere Position fördern kann. Besonders interessant ist, dass sich die Wirkung auch zeigte, wenn die ausgelösten Gedanken gar nichts mit der politischen Meinung an sich zu tun hatten. Allein die Beschäftigung mit konträren Aussagen scheint schon eine liberalere, offenere Denkweise zu fördern. Doch wie löst man solche gedanklichen Widersprüche aus? Laut den Forschern dieser Studie können rhetorische Fragen, die kognitive Konflikte auslösen oder sich widersprechende persönliche Ziele aufzeigen, dabei helfen. Ironischer Konformismus durch absurd übersteigerte Fragen, Aussagen oder Extrem-Beispiele, die vermeintlich zustimmend formuliert sind, kann Diskrepanzen aufzeigen und zum Nachdenken anregen. Denn oft genug ist die Antwort „so habe man das ja nicht gemeint“ der Türöffner für Gespräche und Diskussionen. Ich finde, das macht Hoffnung und zeigt, dass wir sehr wohl Änderungen bewirken können. Schaut man sich die Ergebnisse aus dem Vielfaltsbarometer 2025 an, müssen wir alles tun, um den Abwärtstrend aufzuhalten und uns für eine liberale Gesellschaft einzusetzen. Denn 2025 gaben 45 % der Befragten an, gesellschaftliche Vielfalt als Bereicherung zu empfinden. Nun mag mancher denken, so wenige sind das doch gar nicht, immerhin fast die Hälfte. Bedenklich stimmt mich jedoch der Rückgang um 19 % im Vergleich zu 2019, in dem die davorliegende Studie durchgeführt wurde. Die Umfrage misst die Akzeptanz von Merkmalen, die im Gleichberechtigungsgesetz AGG definiert sind. Geht man in die Details, finde ich es noch besorgniserregender, dass der stärkste Rückgang in der Beurteilung ethnischer Herkunft (die Zustimmung sank von 73 % auf 56 %) und Religionsvielfalt lag. Nur 34 % der Befragten sahen Religionsvielfalt als Bereicherung an, 2019 waren es noch 44 %. Wer mehr wissen möchte, kann sich die Studiendetails 4 anschauen. Aufschlussreich sind auch die Interpretationen der Autoren. Diese sehen die Ursachen in gesellschaftlichen Veränderungen und globalen Krisen. Je höher die Sorge um den eigenen Wohlstand, desto niedriger der Toleranzwert und desto höher die Abwehr. Auch wird interessanterweise die tatsächliche Zuwanderungsquote im Umfeld als weniger entscheidend für die Akzeptanz von Vielfalt betrachtet. Wichtiger sind persönliche Berührungspunkte und Begegnungen. Fehlen positive Kontakte zu heterogenen Gruppen, wächst die Skepsis. Ausgeprägte Empathie und positiv wahrgenommene Kontakte seien hingegen Akzeptanz fördernd. Lasst uns versuchen, Widersprüche in Argumentationsketten auszulösen und aufzudecken, unangenehme kognitive Dissonanzen zu erzeugen und Kontaktmöglichkeiten zu interkulturellen Gruppen im direkten sozialen Umfeld zu schaffen. 1 Sinus Institut 2025 2 Bertelsmann Stiftung, Die Zeit, Mai 2026 3 ZPID, 2024, Prof. Dr. K. Sassenberg, Dr. K. Winter 4 Vielfaltsbarometer der Robert Bosch Stiftung 2019 und 2025 Der Überlieferung nach lebte Diogenes von Sinope gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Es gibt keine gesicherten Quellen.