Tribalismus ist der Feind der kulturellen Intelligenz
Die Bereicherung und die Erweiterung unserer kulturellen Intelligenz liegt im Anerkennen der Andersartigkeit
Nur wer sein gewohntes Umfeld erweitert, kann neue Bindungen eingehen. Nur wer das Fremde erkundet, wird es irgendwann als vertraut wahrnehmen können. Für ein demokratisches Gesellschaftsverständnis brauchen wir mehr Nähe zu anderen Ländern und Kulturen. Doch woher kommen die zunehmende Distanzierung und mangelnde Akzeptanz, obwohl sich geografische und soziale Grenzen öffnen? Solange der Fokus weiterhin nur auf dem Erhalt und Verteidigung der eigenen Bedürfnisse sowie der des unmittelbaren Umfeldes liegt, scheint räumliche Nähe allein nicht zwangsläufig mit einem weltoffeneren Denken und Verhalten einherzugehen. Erst der direkte Kontakt, das Gespräch und der Austausch von Gedanken und Wünschen schaffen hier die Nähe, die die Basis von Toleranz und Loyalität sein kann. Doch Loyalität als Basis einer sozialen Zukunftsethik darf nicht auf das persönliche Umfeld begrenzt sein.
Hierzu ein äußerst interessanter Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher zum Thema "Solidarität als Thema der Philosophie", den er im Mai 2026 im Rahmen der philosophischen Reihe in Bad Nauheim gehalten hat. Ohne Anspruch auf Belehrung oder ultimative Lösungsansätze bot er eine Vielfalt neuer Denkansätze und entließ die Zuhörer mit einem kritischeren Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge.
Besonderen Fokus legte Birnbacher auf die Themen Zukunftsethik, Diskontierung und Solidarität. Zukunftsethisch problematisch zeigt sich die Einschränkung der Solidarität auf eine begrenzte Gruppe, der man sich durch räumliche oder geistige Nähe verbunden fühlt. Anforderungen und Bedürfnisse in diesem engen sozialen Umfeld genießen höhere Priorität, und Gruppenideologien werden gefördert und verteidigt. Ein früher evolutionsbiologisch grundsätzlich sinnvolles Verhalten, aber heute nicht mehr unbedingt demokratiefördernd. Tribalismus, das ureigenste Stammesverhalten, führt zu Abgrenzung und erhöhter Loyalität innerhalb der eigenen Gruppe. Diese Fokussierung auf die eigenen Gruppenbedürfnisse in Kombination mit der Priorisierung der Gegenwart und der Bewertung zukünftiger Ereignisse als weniger wichtig steht vielen sozialdemokratischen Bestrebungen und nachhaltigen Prozessen im Wege.
Auch ohne konkrete Lösungsvorschläge regte Birnbachers Vortrag zum Weiterdenken an. Denn wenn Solidarität durch Nähe entsteht und Ausgrenzung sowie Abkapselung durch Distanz gefördert werden, wo liegen mögliche Ansatzpunkte, um umweltpolitischer Ignoranz, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit mit einer Verhaltensänderung begegnen zu können? Wie können soziale und kulturelle Grenzen überwunden und Solidarität als zukunftsethische Verantwortung begriffen werden?
Das bewusste Ausbrechen aus langjährigen Gewohnheiten und etablierten Verhaltensweisen mag ein erster Schritt sein, sich aus eingeschränkten Umfeldern zu lösen und seine Verhaltens- und Denkweisen zu erweitern. Genauso wie das kritische Hinterfragen der eigenen Mediennutzung und der zugrunde liegenden Informationsquellen. Nur wenn man die eigene Komfortzone verlässt, Gewohnheiten infrage stellt und offen ist für neue Kontakte und Ansichten, wird man sein soziales Umfeld erweitern können, in das man nicht zwangsläufig hineingeboren wurde, sondern mit dem man sich oft allein durch die Bestätigung gleichgesinnter Ansichten verbunden fühlt.
Denn so wie Gewohnheiten unser Verhalten und Denken beeinflussen, können umgekehrt auch wiederkehrende Erfahrungen, Verhaltensmuster und Ansichten selbst zu Gewohnheiten werden. Erziehung und gelernte Reaktionsmuster in Abhängigkeit von situativen und sozialen Einflüssen steuern zusammen mit Emotionen und Gefühlen unsere Wahrnehmung, unser Urteilsvermögen und unsere Entscheidungen.
Unser soziales Umfeld und wie wir es wahrnehmen, die Medien, die wir zur Informationsgewinnung nutzen, sowie erlernte Verarbeitungsmechanismen haben Einfluss auf unsere Entscheidungen und Meinungen. Je kleiner das soziale Umfeld und je enger die Bindungen zu diesem sind, desto größer scheint das Bedürfnis zu sein, sich solidarisch zu zeigen und das Verhalten und die Ansichten dieser Gruppe nicht nur zu verteidigen, sondern auch anzunehmen. Erweiterungen der sozialen Kontakte erschließen sich dann oft nur Gleichgesinnten. Anstatt Denkmuster infrage zu stellen, sucht man Bestätigung im Gruppenverhalten. Gerade im aktuellen politischen Umfeld und einer Beeinflussung durch Informationen, deren Quellen als vermeintlich vertrauenswürdig eingestuft werden, wird es immer schwieriger zu erkennen, was wahr ist. Der Wunsch nach Orientierung wächst, doch wenn Gespräche nur noch im kleinsten Umfeld stattfinden und Routinen sich nicht nur im Verhalten, sondern auch im Denken manifestieren, kann Objektivität verloren gehen und eingefahrene Verhaltensweisen werden nicht mehr als solche erkannt.
Können wir uns davon lösen und unsere Vorurteile in objektives Urteilsvermögen umwandeln? Oder gehen neue Ideen und Gedanken im kollektiven Selbstverständnis unter?
Kritikfähigkeit ist ein selbstbestimmter Prozess und Verhaltensänderungen sind möglich.
Indem wir Zukunftsethik als unsere Verpflichtung zum Handeln begreifen. Indem wir über Bedürfnisaufschub zu größerer kognitiver Reife gelangen und lernen, dass ein Leben in einer demokratischen Gesellschaft nur funktioniert, wenn man sich bewusst von eingefahrenen Gewohnheiten löst und aktiv den Kontakt und die Gespräche zu Andersdenkenden, Anderslebenden und Andersglaubenden sucht.
Denn letztlich liegen die Bereicherung und die Erweiterung unserer kulturellen Intelligenz im Anerkennen der Andersartigkeit.
"Menschliches Miteinander" - so lautet das Thema der Philosophischen Reihe 2026.
Danke an meine Stadt Bad Nauheim für neue gedankliche Impulse und Handlungsinspirationen.

