Tribalismus ist der Feind der kulturellen Intelligenz

Anja Hermes • 29. Mai 2026

Die Bereicherung und die Erweiterung unserer kulturellen Intelligenz liegt im Anerkennen der Andersartigkeit

Nur wer sein gewohntes Umfeld erweitert, kann neue Bindungen eingehen. Nur wer das Fremde erkundet, wird es irgendwann als vertraut wahrnehmen können. Für ein demokratisches Gesellschaftsverständnis brauchen wir mehr Nähe zu anderen Ländern und Kulturen. Doch woher kommen die zunehmende Distanzierung und mangelnde Akzeptanz, obwohl sich geografische und soziale Grenzen öffnen? Solange der Fokus weiterhin nur auf dem Erhalt und Verteidigung der eigenen Bedürfnisse sowie der des unmittelbaren Umfeldes liegt, scheint räumliche Nähe allein nicht zwangsläufig mit einem weltoffeneren Denken und Verhalten einherzugehen. Erst der direkte Kontakt, das Gespräch und der Austausch von Gedanken und Wünschen schaffen hier die Nähe, die die Basis von Toleranz und Loyalität sein kann. Doch Loyalität als Basis einer sozialen Zukunftsethik darf nicht auf das persönliche Umfeld begrenzt sein.


Hierzu ein äußerst interessanter Vortrag von Prof. Dr. Dr. h.c. Dieter Birnbacher zum Thema "Solidarität als Thema der Philosophie", den er im Mai 2026 im Rahmen der philosophischen Reihe in Bad Nauheim gehalten hat. Ohne Anspruch auf Belehrung oder ultimative Lösungsansätze bot er eine Vielfalt neuer Denkansätze und entließ die Zuhörer mit einem kritischeren Blick auf gesellschaftliche Zusammenhänge.


Besonderen Fokus legte Birnbacher auf die Themen Zukunftsethik, Diskontierung und Solidarität. Zukunftsethisch problematisch zeigt sich die Einschränkung der Solidarität auf eine begrenzte Gruppe, der man sich durch räumliche oder geistige Nähe verbunden fühlt. Anforderungen und Bedürfnisse in diesem engen sozialen Umfeld genießen höhere Priorität, und Gruppenideologien werden gefördert und verteidigt. Ein früher evolutionsbiologisch grundsätzlich sinnvolles Verhalten, aber heute nicht mehr unbedingt demokratiefördernd. Tribalismus, das ureigenste Stammesverhalten, führt zu Abgrenzung und erhöhter Loyalität innerhalb der eigenen Gruppe. Diese Fokussierung auf die eigenen Gruppenbedürfnisse in Kombination mit der Priorisierung der Gegenwart und der Bewertung zukünftiger Ereignisse als weniger wichtig steht vielen sozialdemokratischen Bestrebungen und nachhaltigen Prozessen im Wege. 


Auch ohne konkrete Lösungsvorschläge regte Birnbachers Vortrag zum Weiterdenken an. Denn wenn Solidarität durch Nähe entsteht und Ausgrenzung sowie Abkapselung durch Distanz gefördert werden, wo liegen mögliche Ansatzpunkte, um umweltpolitischer Ignoranz, Diskriminierung und Fremdenfeindlichkeit mit einer Verhaltensänderung begegnen zu können? Wie können soziale und kulturelle Grenzen überwunden und Solidarität als zukunftsethische Verantwortung begriffen werden?


Das bewusste Ausbrechen aus langjährigen Gewohnheiten und etablierten Verhaltensweisen mag ein erster Schritt sein, sich aus eingeschränkten Umfeldern zu lösen und seine Verhaltens- und Denkweisen zu erweitern. Genauso wie das kritische Hinterfragen der eigenen Mediennutzung und der zugrunde liegenden Informationsquellen. Nur wenn man die eigene Komfortzone verlässt, Gewohnheiten infrage stellt und offen ist für neue Kontakte und Ansichten, wird man sein soziales Umfeld erweitern können, in das man nicht zwangsläufig hineingeboren wurde, sondern mit dem man sich oft allein durch die Bestätigung gleichgesinnter Ansichten verbunden fühlt.


Denn so wie Gewohnheiten unser Verhalten und Denken beeinflussen, können umgekehrt auch wiederkehrende Erfahrungen, Verhaltensmuster und Ansichten selbst zu Gewohnheiten werden. Erziehung und gelernte Reaktionsmuster in Abhängigkeit von situativen und sozialen Einflüssen steuern zusammen mit Emotionen und Gefühlen unsere Wahrnehmung, unser Urteilsvermögen und unsere Entscheidungen. 


Unser soziales Umfeld und wie wir es wahrnehmen, die Medien, die wir zur Informationsgewinnung nutzen, sowie erlernte Verarbeitungsmechanismen haben Einfluss auf unsere Entscheidungen und Meinungen. Je kleiner das soziale Umfeld und je enger die Bindungen zu diesem sind, desto größer scheint das Bedürfnis zu sein, sich solidarisch zu zeigen und das Verhalten und die Ansichten dieser Gruppe nicht nur zu verteidigen, sondern auch anzunehmen. Erweiterungen der sozialen Kontakte erschließen sich dann oft nur Gleichgesinnten. Anstatt Denkmuster infrage zu stellen, sucht man Bestätigung im Gruppenverhalten. Gerade im aktuellen politischen Umfeld und einer Beeinflussung durch Informationen, deren Quellen als vermeintlich vertrauenswürdig eingestuft werden, wird es immer schwieriger zu erkennen, was wahr ist. Der Wunsch nach Orientierung wächst, doch wenn Gespräche nur noch im kleinsten Umfeld stattfinden und Routinen sich nicht nur im Verhalten, sondern auch im Denken manifestieren, kann Objektivität verloren gehen und eingefahrene Verhaltensweisen werden nicht mehr als solche erkannt.


Können wir uns davon lösen und unsere Vorurteile in objektives Urteilsvermögen umwandeln? Oder gehen neue Ideen und Gedanken im kollektiven Selbstverständnis unter? 


Kritikfähigkeit ist ein selbstbestimmter Prozess und Verhaltensänderungen sind möglich.

Indem wir Zukunftsethik als unsere Verpflichtung zum Handeln begreifen. Indem wir über Bedürfnisaufschub zu größerer kognitiver Reife gelangen und lernen, dass ein Leben in einer demokratischen Gesellschaft nur funktioniert, wenn man sich bewusst von eingefahrenen Gewohnheiten löst und aktiv den Kontakt und die Gespräche zu Andersdenkenden, Anderslebenden und Andersglaubenden sucht. 


Denn letztlich liegen die Bereicherung und die Erweiterung unserer kulturellen Intelligenz im Anerkennen der Andersartigkeit.


"Menschliches Miteinander" - so lautet das Thema der Philosophischen Reihe 2026.

Danke an meine Stadt Bad Nauheim für neue gedankliche Impulse und Handlungsinspirationen.


Toans Echo: Blog

von Anja Hermes • 29. September 2026
Entgegen der durchaus verbreiteten Meinung lebte Diogenes nicht in einem Fass oder einer Tonne, sondern der Überlieferung nach in einer großen Amphore. Und wohl zeugte das selbstgewählte Exil nicht von einem engstirnigen, sich abschottenden Denken, sondern Diogenes wird eher als Freigeist beschrieben, der mit einer radikalen Ehrlichkeit und Abkehr von allen sozialen Normen seine Mitmenschen oft vor den Kopf stieß. Das sprichwörtliche "in einer Tonne leben", isoliert und neue soziale Impulse und Entwicklungen ablehnend, wird ihm also durchaus etwas zu Unrecht zugeschrieben. Es sei hier auch nicht zu verwechseln mit der krankhaft auffälligen Selbstisolation. Mir geht es in diesem Artikel viel mehr um soziale Ignoranz und die Ablehnung multikultureller Einflüsse bei gleichzeitiger Abschottung gegenüber Veränderungen und dem Beharren auf dem Gewohnten. Im Verhalten, aber auch im Denken. Und deshalb frage ich euch: Lebt auch ihr sinnbildlich in einer Tonne und fühlt euch am wohlsten unter anderen Fassbewohnern, gesellschaftliche Veränderungen ablehnend und neuen kulturellen Einflüssen mit Angst begegnend? Viele werden diese Frage verneinen. Doch wir neigen dazu, uns selbst als weltoffener und liberaler zu empfinden, als wir vielleicht tatsächlich sind. Und auch die Vorstellung davon, was wir als demokratisch erachten, scheint von der individuellen Wahrnehmung abhängig zu sein und folgt nicht immer objektiven Kriterien. Denn obwohl Deutschland dem Grundgesetz nach ein demokratischer und sozialer Staat ist, bezeichnet laut der Sinus-Analyse 1 nur ein Drittel der Befragten Deutschland als demokratisch regiert, während demokratische Werte als durchaus wichtig erachtet werden. Im Demokratiebarometer 2026 befürworten 82 % der Befragten demokratische Werte an sich, und mehr als 77 % stimmen den Werten demokratischer Parteien zu 2 . Ein für mich durchaus verwunderliches und irritierendes Ergebnis in Anbetracht der kürzlichen Wahlergebnisse. Ohne weitere Details und vergleichende Untersuchungen sollte man vorsichtig mit unbedacht geäußerten Korrelationen sein. Und trotzdem drängt sich mir die Frage auf: Muss man davon ausgehen, dass Wähler von als extremistisch und durchaus verfassungswidrig einzustufenden Parteien sich selbst trotzdem als demokratisch bezeichnen würden? Liegt in diesem Widerspruch und der Erkenntnis dessen die Chance auf ein Umdenken, und können wir dieses aktiv anstoßen? Vielleicht kommen wir hier gemeinsam zu der Erkenntnis, dass wir alle durchaus dazu neigen, uns unsere eigene Welt aus Anschauungen und Einstellungen zu schaffen, dass wir nach Bestätigung dieser in unserem Umfeld suchen und wir uns aber willentlich und aktiv aus diesen Gedankenblasen befreien können. Und dass alleine die Beschäftigung und bewusste Auseinandersetzung mit polarisierenden Aussagen und extremen Positionen dazu führen kann, eigene Verhaltens- und Denkweisen zu überdenken und wir uns damit ganz bewusst gegen rhetorische Beeinflussung wehren können. Um so hoffentlich zu einem Vorbild zu werden. Denn irgendwo müssen wir doch anfangen, wenn wir unsere Zukunft nicht in die Hände rechtspopulistischer Politiker legen wollen. "Widersprüchliche Gedanken führen zu moderaten Einstellungen – extremen Meinungen kann etwas entgegengesetzt werden", so eine Studie des Leibniz-Instituts für Psychologie 3 . Die Ergebnisse zeigen, dass allein das Auslösen von widersprüchlichen Gedanken und das Aufzeigen sich widersprechender Fakten bei Personen mit politisch rechtsextremen Einstellungen eine moderatere Position fördern kann. Besonders interessant ist, dass sich die Wirkung auch zeigte, wenn die ausgelösten Gedanken gar nichts mit der politischen Meinung an sich zu tun hatten. Allein die Beschäftigung mit konträren Aussagen scheint schon eine liberalere, offenere Denkweise zu fördern. Doch wie löst man solche gedanklichen Widersprüche aus? Laut den Forschern dieser Studie können rhetorische Fragen, die kognitive Konflikte auslösen oder sich widersprechende persönliche Ziele aufzeigen, dabei helfen. Ironischer Konformismus durch absurd übersteigerte Fragen, Aussagen oder Extrem-Beispiele, die vermeintlich zustimmend formuliert sind, kann Diskrepanzen aufzeigen und zum Nachdenken anregen. Denn oft genug ist die Antwort „so habe man das ja nicht gemeint“ der Türöffner für Gespräche und Diskussionen. Ich finde, das macht Hoffnung und zeigt, dass wir sehr wohl Änderungen bewirken können. Schaut man sich die Ergebnisse aus dem Vielfaltsbarometer 2025 an, müssen wir alles tun, um den Abwärtstrend aufzuhalten und uns für eine liberale Gesellschaft einzusetzen. Denn 2025 gaben 45 % der Befragten an, gesellschaftliche Vielfalt als Bereicherung zu empfinden. Nun mag mancher denken, so wenige sind das doch gar nicht, immerhin fast die Hälfte. Bedenklich stimmt mich jedoch der Rückgang um 19 % im Vergleich zu 2019, in dem die davorliegende Studie durchgeführt wurde. Die Umfrage misst die Akzeptanz von Merkmalen, die im Gleichberechtigungsgesetz AGG definiert sind. Geht man in die Details, finde ich es noch besorgniserregender, dass der stärkste Rückgang in der Beurteilung ethnischer Herkunft (die Zustimmung sank von 73 % auf 56 %) und Religionsvielfalt lag. Nur 34 % der Befragten sahen Religionsvielfalt als Bereicherung an, 2019 waren es noch 44 %. Wer mehr wissen möchte, kann sich die Studiendetails 4 anschauen. Aufschlussreich sind auch die Interpretationen der Autoren. Diese sehen die Ursachen in gesellschaftlichen Veränderungen und globalen Krisen. Je höher die Sorge um den eigenen Wohlstand, desto niedriger der Toleranzwert und desto höher die Abwehr. Auch wird interessanterweise die tatsächliche Zuwanderungsquote im Umfeld als weniger entscheidend für die Akzeptanz von Vielfalt betrachtet. Wichtiger sind persönliche Berührungspunkte und Begegnungen. Fehlen positive Kontakte zu heterogenen Gruppen, wächst die Skepsis. Ausgeprägte Empathie und positiv wahrgenommene Kontakte seien hingegen Akzeptanz fördernd. Lasst uns versuchen, Widersprüche in Argumentationsketten auszulösen und aufzudecken, unangenehme kognitive Dissonanzen zu erzeugen und Kontaktmöglichkeiten zu interkulturellen Gruppen im direkten sozialen Umfeld zu schaffen. 1 Sinus Institut 2025 2 Bertelsmann Stiftung, Die Zeit, Mai 2026 3 ZPID, 2024, Prof. Dr. K. Sassenberg, Dr. K. Winter 4 Vielfaltsbarometer der Robert Bosch Stiftung 2019 und 2025 Der Überlieferung nach lebte Diogenes von Sinope gegen Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Es gibt keine gesicherten Quellen.
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